BlogBei den First Nations auf Manitoulin Island

Bei den First Nations auf Manitoulin Island

Die größte Süßwasserinsel der Welt im Huronsee gehört zur Provinz Ontario

Ein Gastbeitrag vom in Kanada lebenden Journalisten Jörg Michel

Als Erstes höre ich ein leises Klingeln. Es wirkt zart, wie ein Windspiel im Sommer. Eine Frau in einem orangefarbenen Kleid dreht sich rhythmisch. Der Klang der Glöckchen schwillt an, bis er beinahe alles übertönt – fast wie ein Wasserfall, der in die Tiefe stürzt. Später erfahre ich, dass genau das beabsichtigt ist: Der Tanz der Frau soll Wasser darstellen – seine Kraft, seine reinigende Wirkung.

Ich stehe auf einer Wiese im Örtchen Wikwemikong und staune, wie geschmeidig sich Tracey Cleland zu den Klängen bewegt. Für ihre Darbietung hat sie ein Kleid angezogen, das mit Karos, Flicken und Ornamenten verziert ist; dazwischen hat sie kleine silberne Glöckchen an den Stoff genäht. Mit jeder Bewegung werden die Glöckchen lauter.

Tracey Cleland gehört zum Volk der Anishinaabe. Ihre Heimat ist Manitoulin Island. Die Insel im Huronsee gehört zur Provinz Ontario. Sie ist etwa so groß wie das Saarland und gilt als die größte Süßwasserinsel der Welt. Viele Menschen auf Manitoulin Island haben – wie Cleland – indigene Wurzeln. Der Name der Insel bedeutet in ihrer Sprache „Insel der Geister“ – und während ich dem Klingeln zuhöre, kann ich mir vorstellen, warum.

Ich bin nach Manitoulin Island gereist, um mehr über die Kultur der Anishinaabe zu erfahren. Begegnungen mit indigenen Kanadierinnen und Kanadiern sind für mich immer eine ganz besondere Erfahrung: Wanderungen, Tänze, gemeinsames Essen, Gespräche im Kulturzentrum. Doch was ich an diesem Morgen erlebe, wirkt weniger wie ein Programmpunkt – eher wie ein stilles, kraftvolles Statement.

Tracey Cleland und ein paar andere Frauen tanzen in ihren Klingelkleidern vor den Ruinen einer Schule. Nur die Mauern des Gebäudes stehen noch – wie ein Gerippe im grünen Gras. In der Schule wurden einst indigene Kinder gezwungen, sich anzupassen: Sie mussten ihre Sprache ablegen, ihre Traditionen vergessen. Auf mich wirkt die Ruine wie eine offene Wunde in der Seele Kanadas.

Die Tänzerinnen haben die Schule bewusst als Kulisse gewählt, denn sie wollen an diesem Tag ein Zeichen setzen. Sie möchten auf die vielen indigenen Kinder aufmerksam machen, die im kanadischen Schulsystem lange ihrer Kultur und Identität beraubt wurden. Über viele Jahrzehnte hinweg war das in Kanada gängige Praxis – ein unrühmliches Kapitel in der Geschichte des Landes.

Heute gibt es diese Praxis zum Glück nicht mehr – und auch das wird sichtbar gemacht. Auf einem der Gemäuer weht eine orangefarbene Fahne: „Every Child Matters“ steht darauf – jedes Kind zählt. Orange gilt in Kanada als die Farbe der Erinnerung und der Versöhnung. Auch unter den Zuschauern sehe ich viele mit orangefarbenen Shirts und Tüchern. Ich fühle mich willkommen – und zugleich nachdenklich.

Manitoulin Island

  • Die Insel im Huronsee gehört zur Provinz Ontario

  • So groß wie das Saarland

  • Sie gilt als die größte Süßwasserinsel der Welt

  • Manitoulin Island, die Heimat der der Anishinaabe Fist Nations

  • Tänzerinnen vor der Kulisse einer ehemaligen Schule. denn sie wollen an diesem Tag ein Zeichen setzen.

    Sie wollen auf die vielen indigenen Kinder aufmerksam machen, die im kanadischen Schulsystem lange ihrer Kultur und Identität beraubt wurden.

  • Auf Manitoulin Island bieten die Anishinaabe Besucherinnen und Besuchern vielfältige Kulturprogramme an.

  • Der Wald ist für die First Nations mehr als eine bloße Kulisse oder Freizeitanlage;

    er bietet ihnen auch eine wichtige Lebensgrundlage.

  • Mittagessen auf erhitzten Steinen

    Geräucherte Forelle, gegrilltes Rehfleisch, dazu Wildreis, Kürbisgemüse und Beeren – vieles stammt direkt aus der Umgebung.

Die Kulturen der First Nations in Kanada haben in den letzten Jahren eine Renaissance erlebt – auch im Tourismus. Auf Manitoulin Island bieten die Anishinaabe Besucherinnen und Besuchern vielfältige Kulturprogramme an. Neben Tanzveranstaltungen stehen auch kulinarische Erlebnisse und Outdoor-Abenteuer auf dem Programm. Also schließe ich mich am nächsten Tag einer indigen geführten Wandergruppe an.

Tourguide Jack Rivers führt uns über den Bebamikawe Memorial Trail im Norden von Manitoulin Island. Der Weg ist 14 Kilometer lang und führt durch lichte Espenwälder. Immer wieder bleibt Rivers stehen, pflückt Blätter, reibt Nadeln zwischen den Fingern. Jede Pflanze, sagt er, habe ihren Zweck: Manche dienen ihm als Heilmittel, manche als Nahrung, manche als Sonnenschutz. Der Wald ist für die First Nations mehr als eine bloße Kulisse oder Freizeitanlage; er bietet ihnen auch eine wichtige Lebensgrundlage.

Von einer Anhöhe am Weg habe ich schließlich einen weiten Blick über die Insel: Ich erkenne dunkle Mischwälder, verstreute Seen und Wasserfälle, so weit das Auge reicht – dazu in der Ferne die zerklüftete Küste der Georgian Bay. Die Landschaft wirkt weit und ruhig, fast unberührt. Irgendwo zwischen den Bäumen allerdings steigt Rauch auf.

Es ist Mittagszeit, und für den Rauch sorgt Vince Manitowabi. Der gelernte Koch bereitet gerade unser Essen auf erhitzten Steinen zu – so wie schon seine Vorfahren. Es gibt geräucherte Forelle, gegrilltes Rehfleisch, dazu Wildreis, Kürbisgemüse und Beeren – vieles stammt direkt aus der Umgebung. Während wir essen, wird mir bewusst, wie eng hier Natur und Kultur miteinander verwoben sind.

Das Mittagsmahl ist köstlich. Im Kulturzentrum der Insel treffe ich am Nachmittag dann Craig Fox, einen Stammesältesten. Fox spricht ruhig und mit Bedacht; jedes seiner Worte ist gut überlegt. Auf einer kleinen Tour zeigt er mir die Handwerkskunst der Anishinaabe: kunstvolle Kästchen aus Stachelschweinstacheln beispielsweise, geflochtene Körbe, Schnitzereien aus Geweih.

Dann führt er mich in einen runden Raum mit reich geschmückten Wandbehängen, auf denen Tiere abgebildet sind: Fische, Adler oder Bären zum Beispiel. In diesem Raum, so erklärt er mir, finden traditionelle Heilungszeremonien der First Nations statt – auch Recht wird hier gesprochen. Statt Straftäter ins Gefängnis zu stecken, versuchen viele Häuptlinge, die Schuldigen mithilfe von Gesprächen und überlieferten Ritualen wieder auf den rechten Weg zu bringen.

Als am Abend vor dem Kulturzentrum Trommeln erklingen, erkenne ich Tracey Cleland sofort. Diesmal trägt sie ein gelbes Kleid mit großen Sonnenblumen. Wieder beginnt das Klingeln – erst sanft, dann kraftvoll. Ich stehe zwischen anderen Besucherinnen und Besuchern und lasse die Klänge auf mich wirken. Cleland tanzt bis zur Erschöpfung. Dieser Tanz ist mehr als eine Vorführung. Er ist Erinnerung, Widerstand und Einladung zugleich – an uns alle, innezuhalten und genauer hinzuhören.

ENDE

Anreise: Von Europa mit dem Flugzeug nach Toronto. Anreise zur Insel mit dem Mietwagen mit der Fähre von Tobermory oder von Norden über Sudbury

Manitoulin Island liegt im Huronsee, sechs bis sieben Autostunden nördlich von Toronto. Das Klima gilt als gemäßigt. Die Sommer dauern von Juni bis August und sind angenehm, mit Tagestemperaturen zwischen 18 und 25 Grad. Im Sommer bringt eine Autofähre Besucher von Tobermory auf der Bruce Peninsula auf die Insel. Im Nordosten verbindet eine Autobrücke Manitoulin Island ganzjährig mit dem Festland. Indigen geführte Touren bietet Wikwemikong Tourism an: https://wikytours.com/

Reisezeit: 
Die Insel ist ganzjährig erreichbar. Die beste Reisezeit ist während den Sommermonaten. Ab etwa Mitte September bietet sich das Farbenspiel des Indian Summers.

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Jörg Michel arbeitet als freier Journalist, Buchautor und Auslandskorrespondent in Kanada. Nach über zehn Jahren bei einer Tageszeitung in Berlin war er 2010 nach Kanada ausgewandert. Dort lebte er unter anderem in Banff, Jasper und Victoria bevor er nach Calgary zog. In Kanada hat er alle Provinzen und Territorien bereist, meist mehrmals. Im 360-Grad-Verlag sind von ihm zwei Reiseführer „abseits der ausgetretenen Pfade“ erschienen: einer über Alberta, einer über British Columbia.

Auf Social Media finden Sie ihn auf Facebook (@storiescanada) und Instagram (joerg_stories_canada)
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Informationen zu Reisen:
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