BlogDer Kluane Nationalpark im Yukon

Der Kluane Nationalpark im Yukon

Yukon-Territorium – im Land der Extreme!

Ein Gastbeitrag vom in Kanada lebenden Journalisten Jörg Michel

Ich trete auf die Bremse und blicke durch das Autofenster hinaus in die Wildnis: Eine Elchkuh und zwei Kälber stehen knietief in einem See und schauen zum Ufer. Es ist eine Szene wie aus einem Naturkalender – fast zu schön, um wahr zu sein. Ich frage mich: Ist diese Kulisse wirklich real? Oder nur ein riesiges Poster?

Die Szenerie ist echt und spielt im Yukon-Territorium, einer der wildesten Regionen Kanadas. Rund 70.000 Elche leben dort – fast doppelt so viele wie Menschen. Dazu kommen etwa 18.000 Bären und 5.000 Wölfe. Die Bühne für das Drama dieser Sommernacht irgendwo entlang des Highways im Kluane National Park ist also bereitet. Denn für die Elchmutter und ihre beiden Jungen geht es um alles oder nichts.

So erklärt es mir jedenfalls Brent Liddle, der viele Jahre für die kanadische Nationalparkbehörde gearbeitet hat. „Die Elchmutter hat ihre Kälber in den See getrieben, um sie vor hungrigen Wölfen zu schützen.“ Die ganze Nacht wird sie dort ausharren und hoffen, dass das lauernde Rudel weiterzieht.

Der Kluane National Park ist in jeder Hinsicht spektakulär. Nur wenige Orte im Norden Kanadas bieten eine vergleichbare Vielfalt an Wildtieren. Das 22.000 Quadratkilometer große Schutzgebiet im Südwesten des Yukon beherbergt nicht nur Elche, Wölfe und Bären, sondern auch Berglöwen, Schneeschafe, Luchse, Karibus, Bergziegen, rund 150 Vogelarten und mehr als 200 alpine Pflanzenarten.

Kaum weniger spektakulär beginnt der nächste Morgen auf dem kleinen Flugplatz von Haines Junction. Der Himmel ist wolkenlos und blau. Der Buschpilot startet seine weiß-blau gestreifte Cessna, holpert über die Schotterpiste und hebt ab in Richtung der Gletscherwelt der St.-Elias-Kette – des gewaltigsten Bergmassivs Kanadas.

Kurz nach dem Start erkenne ich aus dem Fenster das mäandernde Flussdelta des Alsek River, der im Nationalpark entspringt und nach rund 400 Kilometern voller Stromschnellen und Schluchten in den Pazifik mündet. Wie die Arme einer riesigen Krake verzweigt sich sein Flussbett über die Landschaft.

Leichte Fallwinde lassen die Cessna erzittern. Instinktiv klammere ich mich am Vordersitz fest. Dann erscheint am Horizont der Lowell-Gletscher. An seiner Stirn türmen sich haushohe Eisblöcke auf. Dahinter windet sich der Gletscher über 72 Kilometer als schwarz-weiß gesprenkeltes Band zwischen Drei- und Viertausendern hindurch. In seinen Vertiefungen haben sich tiefblaue Seen gebildet, auf denen kleine Eisberge treiben.

Der Pilot zieht mehrere Kreise, um an Höhe zu gewinnen. Schließlich erkenne ich im Dunst die Konturen des Mount Logan, des höchsten Berges Kanadas. Mit 5.959 Metern ist er nach dem Mount Denali in Alaska der zweithöchste Gipfel Nordamerikas. Auf den ersten Blick wirkt er kleiner, als er tatsächlich ist, denn ein großer Teil des Berges verbirgt sich unter Eis und Fels. Erstmals bestiegen wurde er 1925. Aufgrund seiner abgeschiedenen Lage gilt er bis heute als einer der anspruchsvollsten Berge des Kontinents.

Yukon-TerritoriumKluane National Park

  • Yukon-Territorium, einer der wildesten Regionen Kanadas
    Rund 70.000 Elche leben dort – fast doppelt so viele wie Menschen.
    Dazu kommen etwa 18.000 Bären und 5.000 Wölfe.
  • Kluane National Park – ein 22.000 Quadratkilometer großes Schutzgebiet
    Beherbergt neben Elchen, Wölfen und Bären auch Berglöwen, Schneeschafe, Luchse, Karibus, Bergziegen, ebenso rund 150 Vogelarten und mehr als 200 alpine Pflanzenarten.
  • „Kluane“ bedeutet in der Sprache der Southern Tutchone First Nations „See mit den großen Fischen“
  • Ab Haines Junction – Rundflug in den Kluane National Park
    Gletscherwelt der St.-Elias-Kette – des gewaltigsten Bergmassivs Kanadas erkunden.
  • Der Alsek River entspringt im Kluane National Park
    und mündet nach rund 400 Kilometern voller Stromschnellen und Schluchten im Pazifik
  • Der Lowell-Gletscher
    windet sich über 72 Kilometer als schwarz-weiß gesprenkeltes Band zwischen Drei- und Viertausendern hindurch.
  • Mount Logan, der höchste Berges Kanadas.
    Mit 5.959 Metern der zweithöchste Gipfel Nordamerikas, nach dem Mount Denali in Alaska.
  • Kaskawulsh-Gletscher
    Gewaltige Eisströme ziehen über mehr als 350 Kilometer durch die Bergwelt.
  • Alaska Highway – eine 2.288 Kilometer lange Straße
    – Führt vom Norden British Columbias bis nach Alaska
    – Bildet im Yukon über weite Strecken die Grenze des Kluane National Parks
    – Wurde 1942 von den Amerikanern während des Zweiten Weltkriegs gebaut

Auf dem Rückflug überqueren wir Teile des Kaskawulsh-Gletschers, dessen gewaltige Eisströme sich über mehr als 350 Kilometer durch die Bergwelt ziehen. Nach 75 Minuten landen wir auf einer Graspiste östlich der Parkgrenze am Ufer des Kluane Lake. Von dort sind es nur wenige Schritte bis zu meinem Parkplatz am Alaska Highway.

Die 2.288 Kilometer lange Straße führt vom Norden British Columbias bis nach Alaska und bildet im Yukon über weite Strecken die Grenze des Kluane National Parks. Während des Zweiten Weltkriegs wurde sie 1942 von den Amerikanern in nur acht Monaten und zehn Tagen als Versorgungsroute durch die Wildnis gebaut. Sie öffnete den Yukon für die Außenwelt.

Heute ist der Highway Ausgangspunkt für zahlreiche Outdoor-Abenteuer im Nationalpark – und ich kann mich kaum entscheiden. Eine Wildwasserexpedition auf dem Alsek oder Tatshenshini River? Eine Kanutour ins Hinterland? Mehrtägige Trekkingtouren über Bergpässe und entlang von Gletscherzungen? Oder doch lieber Angeln an einem der unzähligen Seen? Das Wort „Kluane“ bedeutet in der Sprache der Southern Tutchone, der lokalen First Nations, übrigens „See mit den großen Fischen“. Tatsächlich leben hier Seeforellen, Hechte und Arktische Äschen.

Nicht zuletzt ist der Alaska Highway eine der besten Safaristrecken, die man sich vorstellen kann. Auf meiner Rückfahrt bleibt das Seitenfenster geöffnet. Ein Grizzly reibt sich den Rücken an einer Kiefer, ein Schwarzbär schlendert durch den Straßengraben, ein Luchs huscht durchs Gebüsch.

Nur die Elchkuh mit ihren Kälbern ist verschwunden. Der See, an dem ich sie tags zuvor beobachtet habe, liegt still in der Abenddämmerung. Goldene Wolken spiegeln sich auf der glatten Wasseroberfläche. Hoffentlich hat die Geschichte für die Elchmutter und ihre Jungen ein gutes Ende genommen.

ENDE

Alle Bilder

Informationen: Tourismusbehörde des Yukon: www.travelyukon.de.
Das Infozentrum des Kluane National Park befindet sich zwei Autostunden westlich von Whitehorse in Haines Junction: www.pc.gc.ca/kluane

Anreise: In der Sommersaison fliegt Condor direkt von Frankfurt nach Whitehorse. Ansonsten Umsteigeverbindungen mit Lufthansa und Air Canada von Frankfurt über Vancouver.

Reisezeit: 
Die beste Reisezeit ist von Mitte / Ende Mai bis Mitte / Ende September.

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Jörg Michel arbeitet als freier Journalist, Buchautor und Auslandskorrespondent in Kanada. Nach über zehn Jahren bei einer Tageszeitung in Berlin war er 2010 nach Kanada ausgewandert. Dort lebte er unter anderem in Banff, Jasper und Victoria bevor er nach Calgary zog. In Kanada hat er alle Provinzen und Territorien bereist, meist mehrmals. Im 360-Grad-Verlag sind von ihm zwei Reiseführer „abseits der ausgetretenen Pfade“ erschienen: einer über Alberta, einer über British Columbia.

Auf Social Media finden Sie ihn auf Facebook (@storiescanada) und Instagram (joerg_stories_canada)
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