Eisbären haben es schwer. Das Klima erwärmt sich, das Meereis schwindet – und ich erlebe es direkt vor meinen Augen. Ich sitze in einem Tundra Buggy, einem Geländefahrzeug mit übermannshohen Reifen. Durch das Fenster beobachte ich, wie sich ein junges Männchen durch das Schneegestöber kämpft. An der Grenze zum Meereis bleibt der Bär stehen und zögert. Soll er den Schritt wagen? Wird ihn das Eis tragen?
Ein Gastbeitrag vom in Kanada lebenden Journalisten Jörg Michel
Ich bin in Churchill, einer abgelegenen Siedlung an der Hudson Bay. Es ist der frühe Winter, draußen hat es minus zwanzig Grad. Über die Tundra hat sich eine dünne Schicht aus Schnee gezogen, es weht ein eisiger Wind. Normalerweise sollte der Eisbär schon längst draußen auf den Eisschollen sein und dort Robben jagen. Doch die Herbstmonate haben länger gedauert, im Norden von Manitoba.
„Die Eisbären haben immer weniger Zeit auf dem Meereis, um sich dort ein ausreichendes Fettpolster anzufressen“, erklärt mein Guide Alex. Unweit unseres Fahrzeugs liegen mehrere Bären – und warten. Einige haben sich in Schneehügel gekauert, andere duellieren sich spielerisch oder faulenzen im Schneegestöber. Einer steht noch immer an der Eiskante – derselbe, den ich zu Beginn beobachtet habe.
Wir sind an einem Ort namens Gordon Point, ein paar Kilometer außerhalb von Churchill. Im Herbst versammeln sich hier besonders viele Bären. Das hat einen natürlichen Grund: In der Bucht am Gordon Point gefriert das Eis meist ein paar Tage früher als sonstwo, weil der Churchill River dort Frischwasser in die salzige Hudson Bay leitet. Für die Tiere bedeutet das: ein paar Tage weniger Warten.

Für Eisbären-Touristen wie mich ist die Bucht ein Glücksfall. Der Gordon Point ist einer der wenigen Orte auf der Welt, an denen man Eisbären gefahrlos aus nächster Nähe beobachten kann. Der Fahrer rollt dazu mit seinem Buggy im Schritttempo über die gefrorene Piste. In Sichtweite zieht ein Polarfuchs seine Spur, Schneehühner stapfen durch die Tundra, eine Schneeeule hockt auf einem kahlen Baum.
Als wir wieder anhalten, sind die Bären nur wenige Meter entfernt. Einer richtet sich auf den Hinterbeinen auf, hebt die Schnauze und nimmt Witterung auf. Dann legt er sich gelangweilt in den Schnee. Die Kameras klicken, Ferngläser sind überflüssig, ich kann mein Glück kaum glauben. Alex erzählt, dass von den weltweit rund 26.000 Eisbären etwa 4.000 in der Region um die Hudson Bay leben.
Die Population von Churchill zählt 900 bis 1.000 Tiere – weniger als früher. „Seit den achtziger Jahren sehen wir weniger Weibchen mit Zwillingen oder Drillingen“, berichtet Alex, der für den Touranbieter Frontiers North arbeitet. Früher verließen die Jungen ihre Mutter nach einem Jahr, heute bleiben sie meist zwei. Das Eis gefriert später und schmilzt früher – die Jagdsaison wird kürzer, die Reserven werden kleiner.

Das bestätigt auch Louise Archer, Biologin der Naturschutzgruppe Polar Bears International. „Die Eisbären sind heute drei bis vier Wochen länger an Land als früher“, hatte sie mir zum Auftakt der Reise im Informationszentrum von Churchill erklärt. Auf einer Kreidetafel hat sie das anschaulich dokumentiert: In der letzten Saison waren die Eisbären über 140 Tage an Land. Früher waren es im Schnitt 110.
Eisbären-Beobachtung an der Hudson Bay
- Churchill, eine abgelegene Siedlung an der Hudson Bay
- Churchill wird auch die „Hauptstadt der Eisbären“ genannt
- Die Eisbären sind durch den Klimawandel immer mehr bedroht
- Mit einem Tundra Buggy, einem übermannshohen Geländefahrzeug zur Eisbären-Beobachtung
- Um Churchill zählt die Eisbären-Population ca. 900 bis 1.000 Tiere
Doch zurück zum Gordon Point. Wir stehen noch immer im Schneegestöber, als sich ein Bär dem Buggy bis auf wenige Meter nähert. Er schaut direkt zu uns herauf. Für einen Moment scheint die Distanz zwischen Menschen und Tier zu verschwinden. „Die Bären wissen, dass wir da sind“, erklärt Alex. „Sie riechen uns, hören die Motoren – aber sie haben gelernt, dass wir keine Gefahr für sie sind.“

Auf den Plattformen der Geländefahrzeuge gilt strenge Disziplin: kein Essen, keine Getränke draußen, mindestens 50 Meter Abstand zu den Tieren. Der Buggy-Fahrer berichtet von Studien, die besagen, dass sich die Tiere schnell an die seltsamen Fahrzeuge im Schnee gewöhnen und sich durch sie kaum gestört fühlen. Mal nähern sie sich, mal nehmen sie diese nur gelangweilt zur Kenntnis.
Dann der Moment, auf den wir alle gewartet haben: Der junge Bär am Rand des Eises wagt den Schritt. Vorsichtig legt er sich auf den Bauch und rutscht mit gespreizten Pfoten über das Eis. „So verteilt er sein Gewicht auf eine größere Fläche“, erklärt Alex. „Dadurch verringert er das Risiko, einzubrechen.“ Zentimeter für Zentimeter gleitet der Bär weiter – bis er festen Grund erreicht. Erleichterung im Buggy.
Als der Himmel schließlich aufreißt, taucht die tief stehende Sonne die Tundra in ein zartes Rosa. Ich bleibe am Fenster des Buggys stehen, der Wind treibt Schneefahnen über das Eis. In der Ferne ist der wagemutige Bär nur noch als heller Punkt zu erkennen. Für ihn beginnt jetzt der Winter und die lange ersehnte Jagd auf Robben. Für mich bleibt die Erkenntnis, dass seine Welt zerbrechlicher ist, als sie je war.
ENDE
Anreise: Churchill liegt etwa 1.000 Kilometer nördlich von Winnipeg. Reisende kommen entweder per Flugzeug von Winnipeg oder nehmen den Zug. Der „Train 693“ von Via Rail verlässt Winnipeg zweimal die Woche, braucht knapp zwei Tage und hat Schlafkabinen und eine Snackbar (fragen Sie uns!).
Touranbieter vor Ort bieten achtstündige Eisbärentouren in geländegängigen Fahrzeugen zum Gordon Point, auf Wunsch auch als Komplettpaket, inklusive Vollpension, Anreise und optionalen Sightseeing-Programmen wie Hundeschlittenausfahrten (fragen Sie uns!).
Weitere Informationen: www.travelmanitoba.com/churchill/
Reisezeit:
Die beste Reisezeit ist Februar bis März. Dann kreuzen mit Glück die Rentiere den Highway. Im Frühjahr ist die Straße wegen des Tauwetters oft für Wartungsarbeiten geschlossen. Im Sommer empfiehlt sich eine Fahrt in den frühen Morgenstunden, bevor die Sonne das Straßenbett aufweicht.
Jörg Michel arbeitet als freier Journalist, Buchautor und Auslandskorrespondent in Kanada. Nach über zehn Jahren bei einer Tageszeitung in Berlin war er 2010 nach Kanada ausgewandert. Dort lebte er unter anderem in Banff, Jasper und Victoria bevor er nach Calgary zog. In Kanada hat er alle Provinzen und Territorien bereist, meist mehrmals. Im 360-Grad-Verlag sind von ihm zwei Reiseführer „abseits der ausgetretenen Pfade“ erschienen: einer über Alberta, einer über British Columbia.
Auf Social Media finden Sie ihn auf Facebook (@storiescanada) und Instagram (joerg_stories_canada)
Jörg Michel – Stories and Discoveries in Canada | Facebook
Jörg Michel 🇨🇦 (@joerg_stories_canada) • Instagram
—————–
Informationen zu Reisen:
Gerne organisieren wir für Sie Reisen z.B. eine individuell gestaltete Mietwagen- oder Wohnmobiltouren nach Churchill an die Hudson Bay. Finden Sie hier ein Reisebeispiel.
Schreiben Sie uns von Canada Dream Tours Ihre Reisewünsche: mail@canadadreamtours.de
Wir bieten Ihnen IHRE individuell gestaltete Reise!
Verpasse nicht unsere aktuellen Infos über Kanada auf unseren Social Media Kanälen!





