BlogGrasslands NP in Saskatchewan – Wo der Himmel endlos ist!

Grasslands NP in Saskatchewan – Wo der Himmel endlos ist!

Eine Entdeckungsreise in den Grasslands Nationalpark in Saskatchewan, eine der letzten intakten Graslandschaften in Nordamerika
Ein Gastbeitrag vom in Kanada lebenden Journalisten Jörg Michel

Es ist ein Spätsommertag, an dem die Sonne gnadenlos vom tiefblauen Himmel brennt. Mein Schatten fällt auf den staubigen Boden, über der weiten Graslandschaft im Süden von Saskatchewan flimmert die Hitze. Der Duft von wildem Salbei und Wacholder liegt in der Luft, die Grillen zirpen – und plötzlich raschelt etwas neben mir im kniehohen Gras. 

„Vorsicht, das könnte eine Klapperschlange sein“, warnt die Rangerin, und stochert mit einem Stock im Boden. Ich bleibe wie angewurzelt stehen – bis ein buntes Huhn aus dem Gras flattert. „Keine Sorge, nur ein Schweifhuhn“, sagt sie lachend. Willkommen in der Wildnis. 

Ich bin unterwegs im Grasslands National Park im Süden Saskatchewans. Der entlegene Park liegt an der Grenze zu den USA und ist der einzige Nationalpark Kanadas, der eine ursprüngliche Mischgrasprärie schützt – ein Ökosystem, das in Nordamerika fast völlig verschwunden ist.  

Das Schutzgebiet liegt fern größerer Städte und besteht aus zwei räumlich getrennten Teilen, die zwei Autostunden voneinander entfernt liegen: dem East- und Westblock. Mit meinem Wagen fahre ich den „Ecotour Scenic Drive“, eine Rundstraße, die durch das Herz des Parks führt. Ich fühle mich, wie am Ende der Welt. Der Himmel ist weit und die Prärie schier endlos.

Unterwegs halte ich zu einer geführten Wanderung mit einer Park-Rangerin. Während ich mit ihr durch das hohe Präriegras laufe, erzählt sie mir, dass in dem Park über 70 verschiedene Grasarten wachsen, dazu Kaktusgewächse, Kräuter und Wildblumen. In den restlichen nordamerikanischen Prärien ist von diesem Ökosystem kaum etwas geblieben – das meiste wurde für die Landwirtschaft oder Viehzucht umgepflügt.  

Klapperschlangen sind in dem Park ebenfalls heimisch, doch ehrlich gesagt bin ich froh, dass mir bislang keine begegnet sind. Dafür spicken immer wieder putzige Präriehunde aus ihren Bauten und kreuzen unseren Weg. Auch gefährdete Tierarten leben im Park: Beifußhühner, Kanincheneulen, Königsbussarde, Gabelantilopen – und Präriebisons. 

Bei unserer Wanderung machen wir uns auf die Spuren der mächtigen Tiere. Nach einer halben Stunde tauchen im Gras eigenartige Felsbrocken auf. Sie sind glattpoliert, als habe sie jemand frisch abgewischt. Doch das ist natürlich nicht der Fall und die Rangerin erklärt: „An diesen Felsen haben sich die Bisons über Jahrhunderte das Fell abgerieben.“  

Ein paar Schritte weiter entdecken wir steinerne Zeltringe, die tausende Jahre alt sind. Einst stellten die indigenen Bewohner an diesem Ort ihre Tipis auf, um auf die Jagd nach den Bisons zu gehen. Nicht weit davon reihten sie dazu am Boden Steine in Trichterform auf. Dabei handelt es sich um alte Bisonfallen, mit deren Hilfe indigene Jäger früher Tiere über Klippen trieben.  

Die Fallen erinnern mich an die traurige Geschichte der Bisons in Nordamerika. Früher lebten auf dem Kontinent einmal über 60 Millionen von ihnen – bis weiße Siedler sie fast ausrotteten, um den Ureinwohnern die Lebensgrundlage zu nehmen. In Kanada überlebten nur wenige Exemplare und die Art wäre beinahe ausgestorben. Heute erleben die Tiere dank staatlicher Zuchtprogramme ein Comeback – und die größte freilebende Herde zieht durch diesen Park. 

Die rund 400 Präriebisons im Grasslands National Park sind kräftiger und größer als ihre Verwandten im Süden, und wurden nicht mit Rindern gekreuzt. Sie leben weit verstreut und ihre Spuren sind überall: Fladen, Hufabdrücke, Staubmulden, Fellreste. Über den Weg laufen sie mir an diesem Tag nicht, vielleicht aber beim nächsten Mal. 

Als am Abend die Sonne untergeht, färbt sich die hügelige Prärie in goldene Töne. Irgendwo ruft eine Eule – ansonsten herrscht vollkommene Stille. Ich habe mir ein Fernglas und ein kleines Teleskop besorgt, und kann es kaum erwarten, bis es dunkel wird. Der Grasslands National Park ist ein Dark Sky Preserve – ein Sternenlichtreservat, in dem der Nachthimmel geschützt ist. 

Lichtquellen gibt es um mich herum praktisch keine, und meine Großstadtaugen müssen sich erst an die Finsternis gewöhnen. Doch schon bald erkenne ich am Firmament den Polarstern, den Großen Wagen – und schließlich die ganze Milchstraße. Seit meiner Kindheit habe ich sie nicht mehr so deutlich gesehen, wie an diesem Ort. Mir kommt es vor, als habe eine unsichtbare Hand glitzernden Staub über den Himmel gestreut.  

Spät in der Nacht liege ich im Zelt auf dem Frenchman Valley Campground, mitten im Schutzgebiet. Eine Sternschnuppe zieht leuchtend über den Horizont. Kein Licht, kein Lärm – nur ein paar Zelte, ein Wohnwagen und das leise Rascheln im Gras neben mir. Ob es diesmal eine Klapperschlange ist? Oder doch wieder nur ein neugieriges Schweifhuhn? 

ENDE 

Infos zum Grasslands Nationalpark:
Der Grasslands Nationalpark liegt etwa 350 Kilometer westlich der Provinzhauptstadt Regina oder 650 Kilometer östlich von Calgary. Mit dem Wagen braucht man von Calgary bis in den Westblock rund acht Stunden. Der nächstgelegene Ort mit einigen wenigen Unterkünften ist Val Marie. Das Besucherzentrum im Ort hat zwischen Mai und Oktober von 9 bis 17 Uhr geöffnet.
Die beste Reisezeit liegt zwischen Juni und September, davor und danach haben viele Einrichtungen geschlossen. Reisende sollten ein Fernglas, Sonnenhut, viel Wasser – und eine Stirnlampe mit Rotlicht (zum Sternegucken) mitbringen.
Im Frenchman Valley im Westblock gibt es einen schönen Campingplatz mit 20 Stellplätzen und Strom, dazu vier fest installierte Zelte. Mit dem Auto erkundet man den Park am besten auf dem „Ecotour Scenic Drive“, einer 20 Kilometer langen Rundstraße. Die Rundtour dauert zwischen einer und drei Stunden. 
Webseite: https://parks.canada.ca/pn-np/sk/grasslands  

Informationen:
Schreiben Sie uns von Canada Dream Tours Ihre Reisewünsche: mail@canadadreamtours.de 
Gerne organisieren wir für Sie Reisen z.B. eine individuell gestaltete Mietwagen- oder Wohnmobiltouren nach Saskatchewan und in den Grasslands Nationalpark. Besuchen Sie auch unsere Webseite: Mietwagenreisen

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Jörg Michel
arbeitet als freier Journalist, Buchautor und Auslandskorrespondent in Kanada. Nach über zehn Jahren bei einer Tageszeitung in Berlin war er 2010 nach Kanada ausgewandert. Dort lebte er unter anderem in Banff, Jasper und Victoria bevor er nach Calgary zog. In Kanada hat er alle Provinzen und Territorien bereist, meist mehrmals. Im 360-Grad-Verlag sind von ihm zwei Reiseführer „abseits der ausgetretenen Pfade“ erschienen: einer über Alberta, einer über British Columbia.

Auf Social Media finden Sie ihn auf Facebook (@storiescanada) und Instagram (joerg_stories_canada)
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