Mystische Inseln im Pazifik!
Ein Gastbeitrag vom in Kanada lebenden Journalisten Jörg Michel
Auf den ersten Blick erkenne ich das hölzerne Boot kaum. Es liegt verborgen im Regenwald, umschlungen von Moosen und umgeben von riesigen Rotzedern. Sonnenlicht dringt kaum durch die dichten Baumkronen. Wege gibt es nicht. Ich kämpfe mich durch das Unterholz, über umgestürzte Bäume und durch tiefen Matsch.
Dann taucht das Einbaum-Kanu aus dem Dickicht auf: der Bug, die zersplitterte Bordwand, der Rumpf, aus dem längst Pflanzen wachsen. Das mächtige Boot wurde nie fertig geschnitzt.
Ich bin nahe Port Clements auf Haida Gwaii unterwegs, einem Archipel im Nordpazifik, der zu British Columbia gehört. Früher trugen die Inseln den kolonialen Namen Queen Charlotte Islands, heute wieder ihren ursprünglichen Namen: „Inseln der Menschen“. Rund 5.000 Menschen leben hier, etwa die Hälfte gehört dem Volk der Haida an, das seit mindestens 13.000 Jahren auf diesen Inseln zu Hause ist.

Das Kanu ist Zeugnis einer Tragödie. Vor einigen hundert Jahren wollten die Haida aus einem gewaltigen Stamm ein hochseetaugliches Kanu schnitzen. Doch als europäische Seefahrer Krankheiten wie die Pocken einschleppten, starben viele Haida. Der Überlieferung nach wurden auch viele Schnitzer krank und mussten ihre Arbeit abbrechen – seitdem verwittert das Boot im Wald.
Überall auf Haida Gwaii liegen verlassene Dörfer, Totempfähle und alte Kanus. Für die Haida sind diese Orte heilig – sie erinnern an ihre Vorfahren. Einige sind heute für Besucher geöffnet. Der indigene Tourismus trägt dazu bei, ihre Geschichte und Kultur lebendig zu halten.

Am nächsten Tag fahre ich mit Marni York über Graham Island, die größte Insel des Archipels, der aus rund 150 Inseln besteht. Sie nennt sich Aadiitsii Jaad – „die Frau, die in den Wäldern lebt“ – und arbeitet für Haida Tourism. „Erst kamen die Pocken, dann die Regierung“, sagt sie.
York erzählt: Lange versuchte der kanadische Staat, die Haida zu assimilieren. Zeremonien wie der Potlatch waren verboten, Kinder wurden ihren Familien entrissen und in Internate gebracht. Wer seine Sprache sprach, wurde bestraft.
Die sogenannten Residential Schools gehören bis heute zu den dunkelsten Kapiteln der kanadischen Geschichte.
Haida Gwaii – Archipel im Nordpazifik
- Haida Gwaii, die Mystische Inseln im Pazifik
- Haida Gwaii – „Inseln der Menschen“
Rund 5.000 Menschen leben hier, etwa die Hälfte gehört dem Volk der Haida an, das seit mindestens 13.000 Jahren auf diesen Inseln zu Hause ist. - Gewaltige Totempfähle in den Himmel
Sie zeigen Familienwappen wie Adler, Bären oder Wale. - Christian White, einer der bekanntesten Haida-Künstler Kanadas
Sein größtes Projekt ist ein 15 Meter langes Kanu, geschnitzt aus einem einzigen Zedernbaum. - Potlatch ist jene Zeremonie, die in Kanada einst verboten war.
Im Örtchen Skidegate empfängt mich anderntags Jacey Pollard im Kulturzentrum der Haida. Hier erlebt die Kultur der Haida eine Renaissance. Vor den Langhäusern ragen sieben gewaltige Totempfähle in den Himmel. Sie zeigen Familienwappen wie Adler, Bären oder Wale. Auf einigen sitzen Figuren mit Hüten.
„Das sind unsere Wächter“, erklärt Pollard. „Sie passen auf unsere Gemeinschaft auf.“
Totempfähle erzählen Familiengeschichten und bewahren Mythen. Viele wurden einst geplündert und in Museen gebracht. Heute hat sich das Verhältnis Kanadas zu seinen indigenen Völkern verändert. Die Haida verfügen über weitreichende Autonomierechte, ihre Künstler genießen internationales Ansehen, viele Totempfähle wurden an ihre ursprünglichen Standorte zurückgebracht.

Meine letzte Station ist Old Massett, ganz im Norden des Archipels. In einer Werkstatt, die nach Harz und frischem Zedernholz riecht, arbeitet Christian White, einer der bekanntesten Haida-Künstler Kanadas.
Vor mir liegt sein größtes Projekt: ein 15 Meter langes Kanu, geschnitzt aus einem einzigen Zedernbaum. Anders als das verfallene Boot im Wald wird dieses zu Ende gebaut. Bald soll es mit traditionellen Symbolen bemalt werden.

„Wenn es fertig ist, paddeln Männer aus dem Dorf damit die Pazifikküste entlang“, erzählt mir White. So ehren sie ihre Vorfahren, die einst mit solchen Kanus Handel trieben, fischten und weite Reisen unternahmen.
Vor dem Stapellauf plant Christian White ein großes Fest – vielleicht sogar einen Potlatch, jene Zeremonie, die Kanada einst verboten hatte.
Als ich Haida Gwaii verlasse, denke ich noch einmal an das unfertige Kanu im Wald. Es erzählt von Verlust und Unterdrückung. Das neue Kanu dagegen steht für den Neuanfang. Dieses Mal wird das Werk vollendet.
ENDE
Alle Bilder
Informationen: Haida Tourism www.haidatourism.ca
Allgemeine Informationen: www.supernaturalbc.com/places-routes/explore/haida-gwaii
Anreise: Air Canada fliegt täglich von Vancouver nach Sandspit auf Haida Gwaii, Pacific Coastal Airlines steuert Masset an.
Reisezeit:
Die beste Reisezeit ist von Mitte / Ende Mai bis Mitte / Ende September.
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Jörg Michel arbeitet als freier Journalist, Buchautor und Auslandskorrespondent in Kanada. Nach über zehn Jahren bei einer Tageszeitung in Berlin war er 2010 nach Kanada ausgewandert. Dort lebte er unter anderem in Banff, Jasper und Victoria bevor er nach Calgary zog. In Kanada hat er alle Provinzen und Territorien bereist, meist mehrmals. Im 360-Grad-Verlag sind von ihm zwei Reiseführer „abseits der ausgetretenen Pfade“ erschienen: einer über Alberta, einer über British Columbia.
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