Eisbergen so nahekommen wie kaum an einem Ort der Welt!
Ein Gastbeitrag vom in Kanada lebenden Journalisten Jörg Michel
In Twillingate im Norden von Neufundland können Besucher Eisbergen so nahekommen wie nur an wenigen Orten der Welt.
Cecil Stockley arbeitete lange als Lehrer in Twillingate, einer kleinen Küstengemeinde im Norden von Neufundland. An einem Sommertag vor vierzig Jahren saß er in seinem Klassenzimmer, schaute gedankenverloren aufs Meer hinaus und überlegte sich, wie er die anstehenden Ferien wohl am besten nutzen könnte. In dem Moment trieb ein Eisberg am Dorf vorbei – in Neufundland im Frühsommer ein vertrauter Anblick. „Da kam mir die Idee, etwas aus diesen Eisbergen zu machen“, erinnert er sich.
Stockley fackelte nicht lange, machte ein altes Fischerboot seetüchtig und stellte ein Schild am Hafen auf: „Ausflüge zu den Eisbergen“. Die Fischer im Dorf lachten über ihn, doch er hielt an seinem ungewöhnlichen Plan fest – und tatsächlich kamen bald die ersten Besucher. Es war die Geburtsstunde des Eisbergtourismus in Kanada.

Vier Jahrzehnte nachdem Stockley seine ersten Gäste mit seinem Boot zu den Eisbergen gebracht hatte, mache auch ich mich auf die Jagd nach den weißen Kolossen. Twillingate nennt sich mittlerweile die „Eisberghauptstadt der Welt“ – so populär sind die Bootsausflüge geworden. In guten Jahren reisen bis zu 30.000 Touristen in den Ort, um Eisberge aus nächster Nähe zu sehen und mit etwas Glück auch Buckelwale zu beobachten.
An einem windigen und kühlen Morgen im Frühsommer fahre ich mit einem Ausflugsboot hinaus. Kalter Regen schlägt mir ins Gesicht, die Gischt peitscht. Das Boot pflügt sich durch die schäumenden Wellen, und schon bald nähern wir uns einem Eisberg. Er scheint greifbar nahe, und tatsächlich können Besucher nur an wenigen Orten der Welt den schwimmenden Riesen so nahekommen wie in Twillingate.

Die Eisberge haben ihren Ursprung in den großen Gletschern Grönlands und werden von kalten Meeresströmungen über Tausende Kilometer durch den Nordatlantik getragen, bis sie schließlich die Nordküste Neufundlands erreichen. Die eisige Route nennt sich „Iceberg Alley“ – die Allee der Eisberge. Für die Schifffahrt ist sie riskant – in der Gegend sank 1912 der Luxusliner Titanic nach einer Kollision mit einem Eisberg.
Neufundland – Twillinggate
- In Twillingate, eine kleine Küstengemeinde im Norden von Neufundland
können Besucher Eisbergen so nahekommen wie nur an wenigen Orten der Welt - Twillingate nennt sich mittlerweile die „Eisberghauptstadt der Welt“
- Die Eisberge haben ihren Ursprung in den großen Gletschern Grönlands
werden von kalten Meeresströmungen über Tausende Kilometer durch den Nordatlantik getragen - Die eisige Route nennt sich „Iceberg Alley“ – die Allee der Eisberge
- Ein Gewicht von etwa drei Millionen Tonnen eines Eisbergs sind keine Seltenheit
- „Eisbergwein“ in der Great Auk Winery
Das Wasser in den Flaschen stammt direkt aus Eisbergen
Für Twillingate sind die Eisberge dagegen ein Geschenk. „Bei passendem Wetter liegen oft viele Eisberge direkt vor dem Hafen“, erzählt mir der Steuermann unseres Ausflugsboots. So auch an diesem Morgen. In der Bucht treiben sechs große Eisberge und zahlreiche kleinere Stücke, sogenannte „Growler“. Der Begriff „growling“ beschreibt die knurrenden Geräusche, die beim Schmelzen der Eisbrocken entstehen, wenn die eingeschlossene Luft entweicht.
Nach etwa zwanzig Minuten im Boot erreicht das Boot den Eisberg. Er wirkt auf mich wie ein schimmerndes Kunstwerk in Blau- und Grüntönen. Der Kapitän schätzt sein Gewicht auf etwa drei Millionen Tonnen. Nur ein kleiner Teil des Bergs ist sichtbar, der Rest liegt unter Wasser. Durchzogen ist er von blauen Streifen im Eis. Diese entstanden einst durch Schmelzwasser in alten Gletscherspalten. Doch aufgepasst! Manchmal verlagern die Eisberge beim Schmelzen ihren Schwerpunkt und kippen. Dann können gefährliche Sogwellen entstehen. Heute aber bleibt zum Glück alles ruhig.

Und schon geht es zurück in Richtung Hafen. Zeit für einen Drink! Ich probiere „Eisbergwein“ in der Great Auk Winery. Das Wasser in den Flaschen stammt direkt aus Eisbergen, die am Dorf vorbeiziehen, und wird mit Beeren zu Fruchtwein verarbeitet. „So rein wie vor 10.000 Jahren“, verspricht der Kellermeister. Der Wein schmeckt süßlich-fruchtig. Lecker.
Zum Abschluss des Tages stehe ich auf einem Hügel über Twillingate und sehe die Eisberge langsam am Dorf vorbeiziehen. Wie glitzernde Perlen in der Abendsonne treiben sie gemächlich vorbei. Von hier aus setzen sie ihre Reise fort, bis sie in den wärmeren Strömungen des Atlantiks irgendwann vollständig schmelzen und verschwinden.
ENDE
Alle Bilder
Wie komme ich nach Neufundland?
Aus Europa zunächst nach Toronto oder Montréal. Von dort weiter per Regionalflug nach St. John’s. Mietwagen gibt es am Flughafen.
Wohnmobile können nur ab Halifax angemietet werden.
Über die Sommermonate wird auch Halifax mit einem Direktflug ab Frankfurt angeflogen. Mietwagen- und Wohnmobilreisen werden auch gerne von Halifax aus als Rundreise eingebunden. https://www.kanadareise.de/kanada-mietwagenreisen/#atlantik-kanada
Reisezeit:
Die beste Reisezeit ist während den Sommermonaten.
Um die Eisberge sehen zu können, sollte zwischen Mitte April und Ende Juni nach Neufundland gereist werden.
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Jörg Michel arbeitet als freier Journalist, Buchautor und Auslandskorrespondent in Kanada. Nach über zehn Jahren bei einer Tageszeitung in Berlin war er 2010 nach Kanada ausgewandert. Dort lebte er unter anderem in Banff, Jasper und Victoria bevor er nach Calgary zog. In Kanada hat er alle Provinzen und Territorien bereist, meist mehrmals. Im 360-Grad-Verlag sind von ihm zwei Reiseführer „abseits der ausgetretenen Pfade“ erschienen: einer über Alberta, einer über British Columbia.
Auf Social Media finden Sie ihn auf Facebook (@storiescanada) und Instagram (joerg_stories_canada)
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Informationen zu Reisen:
Gerne organisieren wir für Sie Reisen z.B. individuell gestaltete Mietwagen- oder Wohnmobiltouren in die Regionen von Atlantikkanada.
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