BlogNew Brunswick – ostkanadische Atlantikprovinz

New Brunswick – ostkanadische Atlantikprovinz

Im Takt der Gezeiten!

Ein Gastbeitrag vom in Kanada lebenden Journalisten Jörg Michel

Heute kann ich zusehen, wie sich der Atlantik zurückzieht. Wo eben noch hohe Wellen rollten und Seehunde im Wasser spielten, liegt jetzt nur noch Schlick und Schlamm. Bunte Fischerboote stehen plötzlich still auf dem Meeresboden, als hätte man sie dort vergessen. Der Horizont wirkt wie eine scharfe Linie zwischen Himmel und Land – das Meer selbst ist verschwunden.

Ich bin in Alma, einem kleinen Fischerdorf in New Brunswick. Das Naturschauspiel gehört hier zum Alltag. Zweimal am Tag verändert sich die Welt – gesteuert von den mächtigsten Gezeiten der Erde. Bis zu 16 Meter beträgt der Unterschied zwischen Ebbe und Flut in der Bay of Fundy an der Südküste von New Brunswick – so hoch wie ein fünfstöckiges Gebäude.

Das hat mit der Geografie zu tun: Die Bay of Fundy liegt wie eine trichterförmige Bucht zwischen New Brunswick und Nova Scotia. Auf mich wirkt sie wie ein riesiger Verstärker: Rund 160 Milliarden Tonnen Wasser werden täglich durch die Gezeiten in die Bucht hinein- und wieder hinausgedrückt. Diese Kraft formt nicht nur die Landschaft, sondern auch das Leben entlang der Küste.

Sobald der Atlantik hoch genug steht, beginnt in Alma der Arbeitstag von Neil Davis. Der Hummerfischer fährt seit fast einem Jahrzehnt hier hinaus aufs Meer. Er erzählt mir, wie er und seine Kollegen Dutzende Fallen aus dem Wasser ziehen – immer in der Hoffnung auf einen guten Fang. Die Tiere können bis zu zehn Kilo schwer und über hundert Jahre alt werden.

Davis bringt seinen Fang direkt in das Restaurant „Lobster Shop“. Er trägt grüne Gummistiefel, einen dicken Parka und blaue Handschuhe. Die Handschuhe schützen ihn vor den scharfen Zangen der Hummer. In riesigen Becken in einer Lagerhalle schwimmen tausende Tiere, zusammen sind sie mehrere Millionen Dollar wert. Vorne im Restaurant stehen derweil die Gäste Schlange – auch ich reihe mich ein.

Ein klassisches Hummermenü gehört in New Brunswick zur Reise dazu. Für 38 kanadische Dollar bekomme ich im „Lobster Shop“ einen frisch gekochten Hummer, dazu Pommes und Butterbrot. Viele Gäste lassen sich das Tier vorgeknackt servieren – ich aber will es selbst versuchen. Hilfestellung leistet Anna-Marie Weir, eine Fremdenführerin aus Moncton, die mich in ihrem kleinen Tourbus hierhergebracht hat.

Mit geübtem Griff zeigt mir Weir, wie ich die Zangen abbreche und dann mit der geballten Faust knacke. Ich folge ihren Anweisungen und kratze schließlich das Fleisch mit einem Zahnstocher aus der Schale. Weir sagt, das beste Fleisch stecke in den Zangen – und sie hat Recht. Ihre Hände bleiben beim Zerlegen völlig unversehrt. Meine sind am Ende etwas mitgenommen, aber das Erlebnis ist es wert.

New Brunswick

  • New Brunswick ist etwa so groß wie das Bundesland Bayern, die Entfernungen sind überschaubar.
    „Neubraunschweig“ verdankt seinen Namen dem welfischen Fürstenhaus Braunschweig, aus dem auch König Georg III. abstammte.
  • Die Bay of Fundy liegt wie eine trichterförmige Bucht zwischen New Brunswick und Nova Scotia.
  • Die mächtigsten Gezeiten der Erde. Bis zu 16 Meter beträgt der Unterschied zwischen Ebbe und Flut.
    Rund 160 Milliarden Tonnen Wasser werden täglich durch die Gezeiten in die Bucht hinein- und wieder hinausgedrückt.
  • Die Hopewell Rocks.
    Bei Ebbe auf dem Meeresgrund zwischen bis zu 20 Meter hohen Sandsteinfelsen laufen, die wie riesige Blumentöpfe aussehen.
  • Der Fundy National Park.
    Durch malerische Küstenwälder wandern, in denen Elche und Schwarzbären leben.
  • Ein klassisches Hummermenü gehört in New Brunswick zu einer Reise.
    Ein frisch gekochten Hummer, dazu Pommes und Butterbrot. Das beste Fleisch soll in den Zangen stecken.
  • Bei Saint John eines der eindrucksvollsten Naturphänomene kennenlernen: die Reversing Falls Rapids.
    Durch die Gehzeiten ändert sich zweimal am Tag die Richtung des Flusses. Gewaltige Strömungen sorgen für Stromschnellen.
  • Ministers Island an der US-Grenze:
    Die Insel ist nur bei Ebbe über eine freigelegte Piste zu erreichen

Am nächsten Tag steige ich wieder in ihren kleinen Bus. Weir kennt die Bay of Fundy wie ihre Westentasche und nimmt mich mit entlang der Küste. Wir fahren vorbei an Leuchttürmen, stillen Buchten und Fischerdörfern, die wirken, als wäre dort die Zeit stehen geblieben. Unser Ziel sind die Hopewell Rocks, die wichtigste Sehenswürdigkeit in New Brunswick.

Es ist Ebbe. Das Meer hat sich erneut weit zurückgezogen. Ich stehe auf dem Meeresgrund zwischen bis zu 20 Meter hohen Sandsteinfelsen, die wie riesige Blumentöpfe aussehen. Manche tragen Bäume, andere sind vom ständigen Wechsel der Gezeiten glatt geschliffen. In Gummistiefeln laufe ich durch Schlick und Sand. Mir wird klar, wie wenig Zeit ich hier habe – in etwa drei Stunden kommt das Meer zurück.

Tatsächlich stehen die Hopewell Rocks ein paar Stunden später wieder unter Wasser. An einen Spaziergang auf dem Meeresboden ist jetzt nicht mehr zu denken. Die Felsen, die vorher noch entblößt waren, ragen wie kleine Inseln aus dem Meer – perfekt für eine Kajaktour. Mit dem Paddel in der Hand eröffnen sich mir neue Perspektiven.

Am nächsten Morgen fahre ich an der Küste entlang in den Fundy National Park. Hier wird es ruhiger. Ich wandere durch malerische Küstenwälder, in denen Elche und Schwarzbären leben. Überdachte Holzbrücken führen mich über Flüsse und Bäche – Relikte aus einer anderen Zeit, gebaut, um dem rauen Wetter zu widerstehen. Wilde Strände runden das Erlebnis ab.

Der Park geht nahtlos in den Fundy Trail Parkway über, eine spektakuläre, 30 Kilometer lange Panoramastraße. Ich fahre an Steilküsten und rauen Küstenlinien entlang. Immer wieder halte ich an Aussichtspunkten, mache Spaziergänge und überquere einmal eine großartige Hängebrücke. Die Landschaft an der Küste verändert sich ständig – Wasserfälle, Steilklippen, tiefe Schluchten.

An manchen Stellen liegt dichter Nebel über der Küste. Auch ich fahre streckenweise durch diese milchige Stille, während ganze Buchten vor meinen Augen verschwinden. An anderen Stellen wiederum strahlt die Sonne und der Himmel ist blau.

Kurz vor Saint John erreiche ich eines der eindrucksvollsten Naturphänomene der Reise: die Reversing Falls Rapids. Auch hier prägen die Gezeiten das Geschehen, denn an dieser Stelle mündet der Saint John River in die Bay of Fundy. Die Flut ist dabei so stark, dass sie das Wasser zurückdrängt. Dadurch ändert sich zweimal am Tag die Richtung des Flusses. Gewaltige Strömungen sorgen für Stromschnellen.

Meine letzte Etappe führt mich in Richtung der US-Grenze, nach Ministers Island. Die Insel ist nur bei Ebbe zu erreichen. Ich nutze das Zeitfenster und fahre über eine freigelegte Piste, die sich etwa einen Kilometer durch den Meeresboden zieht.  Dann, nach wenigen Minuten, habe ich es geschafft. Fester Boden unter meinen Rädern.

Ich stehe auf Ministers Island und blicke zurück. Das Meer hat sich erneut zurückgezogen und lässt die Landschaft still und fast unwirklich erscheinen. Für einen Moment wirkt alles wie aus einer anderen Zeit. Es ist der perfekte Abschluss einer Reise, die ganz im Rhythmus der Gezeiten stand.

ENDE

Wie komme ich hin?
Aus Europa zunächst nach Toronto oder Montréal. Von dort weiter per Regionalflug nach Moncton, Saint John oder Fredericton. Mietwagen gibt es an allen drei Flughäfen. New Brunswick ist etwa so groß wie das Bundesland Bayern, die Entfernungen sind überschaubar.

Über die Sommermonate wird auch Halifax mit einem Direktflug ab Frankfurt angeflogen. Mietwagenreisen werden auch gerne von Halifax aus als Rundreise eingebunden. https://www.kanadareise.de/kanada-mietwagenreisen/#atlantik-kanada

Reisezeit: 
Die Region ist ganzjährig bereisbar. Die beste Reisezeit ist während den Sommermonaten.

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Jörg Michel arbeitet als freier Journalist, Buchautor und Auslandskorrespondent in Kanada. Nach über zehn Jahren bei einer Tageszeitung in Berlin war er 2010 nach Kanada ausgewandert. Dort lebte er unter anderem in Banff, Jasper und Victoria bevor er nach Calgary zog. In Kanada hat er alle Provinzen und Territorien bereist, meist mehrmals. Im 360-Grad-Verlag sind von ihm zwei Reiseführer „abseits der ausgetretenen Pfade“ erschienen: einer über Alberta, einer über British Columbia.

Auf Social Media finden Sie ihn auf Facebook (@storiescanada) und Instagram (joerg_stories_canada)
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Informationen zu Reisen:
Gerne organisieren wir für Sie Reisen z.B. individuell gestaltete Mietwagen- oder Wohnmobiltouren in die Regionen von Atlantikkanada.
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