Wo Kanadas Regenwälder atmen!
Ein Gastbeitrag vom in Kanada lebenden Journalisten Jörg Michel
Ein nebliger Herbstmorgen liegt über der Landschaft. Der Himmel hat seine Schleusen geöffnet, der Regen peitscht herab. Überall tropft, rinnt und gluckert es. Der Boden ist aufgeweicht, die Luft gedämpft und grau. Die Szenerie erinnert mich an einen Science-Fiction-Film: der dichte Nebel, die riesigen Farne, die imposanten Bäume, deren Äste von Flechten und Moosen überwuchert sind.
Ich befinde mich in einem wilden Waldgebiet im Süden von Vancouver Island, unweit der Siedlung Port Renfrew. In meinen Gummistiefeln stapfe ich durchs Unterholz und komme aus dem Staunen kaum heraus: Einige der Bäume hier sind über 1000 Jahre alt, ragen mehr als 80 Meter in die Höhe und besitzen Stämme so breit wie ein Auto. Sie sind Teil eines der letzten gemäßigten Regenwälder der Erde.
Port Renfrew nennt sich „Hauptstadt der hohen Bäume“ – und diesem Ruf wird der Ort gerecht: Nur an wenigen Plätzen in Kanada kann man in kurzer Zeit so tief in einige der ältesten urzeitliche Regenwälder Nordamerikas eintauchen wie hier. In der Umgebung stehen die größte Sitka-Fichte Kanadas, die weltweit höchste Douglasie und die meisten Flächen Urwald auf Vancouver Island.
Auf einem hölzernen Bohlenweg führen meine Schritte immer tiefer in die Wälder von Port Renfrew. Manche Planken sind glatt und rutschig, andere bereits beschädigt, doch die Anstrengung zahlt sich aus. Bald schon ragen im dämmrigen Licht unter den Baumkronen mächtige Western-Red-Cedar-Bäume auf – Riesenlebensbäume, deren verwachsene Stämme wie gigantische Korkenzieher wirken.

Ich fühle mich, wie in einem riesigen Märchenland: Unter der Rinde einiger Bäume quellen knorrige Wucherungen und markante Holzkröpfe hervor, die wie aufgeblähte Luftballons wirken. Die Wurzelwerke der Zedern breiten sich über den Waldboden aus wie die Arme eines gigantischen Kraken. Mit über vier Metern Durchmesser gehören die Bäume zu den größten und skurrilsten in Kanada.
Diese uralten Wälder wären beinahe für immer verloren gegangen. Die Kettensägen der Holzfirmen standen bereits bereit. Tatsächlich wurden im letzten Jahrhundert rund 85 Prozent der Regenwälder auf Vancouver Island abgeholzt und danach zum Teil wieder aufgeforstet. Doch einige der ursprünglichen Flächen überlebten den Kahlschlag und wurden unter Schutz gestellt – nicht nur in Port Renfrew.
Wald, Wald und noch mehr Wald: Auf meiner Fahrt nach Norden erstreckt sich üppiges Grün, soweit das Auge reicht. Dafür sorgt der kräftige Regen. In Port Renfrew regnet es an über 200 Tagen im Jahr – das entspricht etwa 3,50 Metern Niederschlag, mehr als das Vierfache von Hamburg. Diese Wassermengen lassen die Natur üppig gedeihen – dennoch werden die alten Primärwälder immer seltener.

Zwischenstopp in Cathedral Grove im Herzen von Vancouver Island. Das Waldstück liegt direkt am Highway 4 in Richtung Pazifikküste und öffnet sich wie eine natürliche Kathedrale aus Licht und Schatten. Zwischen uralten Douglasien und rot schimmernden Zedern fühlt sich jeder Schritt an wie eine Reise in eine andere Zeit. Der süßliche Duft von Harz liegt in der Luft, ein Geruch, der zugleich erhaben und beruhigend ist.
Cathedral Grove kommt mir vor wie ein geschützter Raum, der nicht viel verlangt – und dafür einen seltenen Moment echter Stille zurückgibt. Das 136 Hektar große Waldstück gehört zum MacMillan Provincial Park, einem der ältesten Schutzgebiete von British Columbia. Auch rund um den Park waren und sind die kanadischen Holzfäller aktiv, doch die urzeitlichen Bäume im Park bleiben Tabu.

Über eine kurvenreiche Landstraße reisen wir auf dem Highway 4 weiter nach Tofino an die Küste von Vancouver Island. Tofino liegt am Rande des Clayoquot Sound, einer zerklüfteten und wilden Fjordlandschaft am Pazifik. In den achtziger und neunziger Jahren standen diese Meeresarme im Fokus der Fernsehkameras, denn sie waren Schauplatz des „War of the Woods“ – dem Krieg in den Wäldern.
Fast war es wie im Hollywood-Film: Es war ein Kampf von Gut gegen Böse, Einheimischen gegen Fremde, Umweltschützer gegen Holzkonzerne. Heute stehen große Teile der Region zumindest teilweise unter Schutz. Terrell Lamb war damals noch nicht geboren, und doch hat der Kampf für den Erhalt der Wälder auch sein Leben geprägt. Denn es waren vor allem Aktivisten seines Volkes, die den Kahlschlag stoppten.
Die Regenwälder mit ihren Mamutbäumen auf Vancouver Island
- Einige Bäume sind über 1000 Jahre alt
- Die Siedlung Port Renfrew nennt sich „Hauptstadt der hohen Bäume“
- In Port Renfrew regnet es mehr als das Vierfache von Hamburg
- Cathedral Grove Forest – uralte, (weit über 800 Jahre) Douglasien und rot schimmernde Zedern
- Über eine kurvenreiche Landstraße nach Tofino an die Küste von Vancouver Island, am Rande des Clayoquot Sound
- Für die Nuu-chah-nulth First Nations sind die Regenwälder auf Vancouver Island Lebensraum und Tischlerei zugleich
Terrell gehört zur indigenen Gruppe der Nuu-chah-nulth, übersetzt sind das „die Menschen, die am Meer und in den Bergen leben“. In einem Kanu gleite ich mit Terrell durch den Dunst, vorbei an Stränden, bewaldeten Felsbrocken im Meer, Riffen übersäht mit bunten Seesternen und Seeigeln. Es ist ein Ausflug wie in der vorigen Zeit. Terrells 20-Meter-Kanu wurde von Hand aus einer einzigen Zeder geschnitzt
Für die Nuu-chah-nulth sind die Regenwälder auf Vancouver Island Lebensraum und Tischlerei zugleich. Hier jagen und fischen sie oder bauen sich hochseetaugliche Kanus. Einbaum-Kanus sind dabei selten geworden, denn es gibt immer weniger Stämme, die dafür noch dick genug sind. Kein Wunder, dass die indigenen Völker Kanadas die Wildnis ihrer Vorfahren verteidigen.
Wildnis – ein mächtiger Begriff! Für Giselle Martin von den Nuu-chah-nulth hat er eine ganz eigene Bedeutung. An einem nassen Morgen stehe ich mit ihr im strömenden Regen im Regenwald nahe Tofino, als sie mit nachdenklicher Stimme erklärt, dass es das Wort Wildnis in ihrer Sprache nicht gibt. „Was Eurem Begriff in unserer Kultur am nächsten kommt ein einziges Wort: Es heißt Heimat.“
ENDE
Anreise: Vancouver Island ist die größte Pazifikinsel Nordamerikas und umfasst etwa die Größe von Belgien. Direktflüge von Deutschland führen nach Vancouver, von dort geht es mit dem Flieger weiter nach Victoria, in die Provinzhauptstadt von British Columbia. Alternativ gelangt man mit den Fähren von BC-Ferries nach Victoria oder Nanaimo, den beiden größten Städten auf Vancouver Island.
Reisezeit:
Die beste Reisezeit ist im Sommer von Mai bis Oktober. In den Wintermonaten ist Vancouver Island auch eine Reise wert, z.B. zum Storm-watching. Vancouver Island hat in einigen Regionen ein gemäßigtes Klima.
Jörg Michel arbeitet als freier Journalist, Buchautor und Auslandskorrespondent in Kanada. Nach über zehn Jahren bei einer Tageszeitung in Berlin war er 2010 nach Kanada ausgewandert. Dort lebte er unter anderem in Banff, Jasper und Victoria bevor er nach Calgary zog. In Kanada hat er alle Provinzen und Territorien bereist, meist mehrmals. Im 360-Grad-Verlag sind von ihm zwei Reiseführer „abseits der ausgetretenen Pfade“ erschienen: einer über Alberta, einer über British Columbia.
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