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York Factory – Ein stiller Ort in der Tundra

Die York Factory-historische Siedlung am Ufer der Hudson Bay!

Ein Gastbeitrag vom in Kanada lebenden Journalisten Jörg Michel

Die York Factory war einmal einer der wichtigsten Orte Kanadas. Heute braucht es Geduld, Glück und Abenteuerlust, um die historische Siedlung am Ufer der Hudson Bay zu erreichen.

„Einsteigen bitte.“ Der Schaffner hebt die Hand, die Türen schließen sich. Dann setzt sich der Zug von Via Rail in Winnipeg in Bewegung. Vor uns liegen 35 Stunden Fahrt nach Norden – eine Reise in eine Welt, in der Straßen irgendwann aufhören. Zu einem einsamen Ort, den heute kaum noch jemand kennt: das historische Hudson-Bay-Fort mit dem Namen York Factory.

Riesige Weizen- und Rapsfelder gleiten am Zugfenster vorbei. Je weiter wir in den Norden von Manitoba kommen, desto leerer wird die Landschaft. Die Felder verschwinden, Wälder und Seen übernehmen.  Nach mehr als einem Tag erreichen wir Gillam. Viel mehr als ein Zwischenstopp ist der Ort für uns nicht. Unser eigentliches Ziel liegt noch rund 200 Kilometer entfernt – und ist nur über das Wasser zu erreichen.

„Willkommen in der Mitte von Nirgendwo“, begrüßt uns Clint Sawchuk. Der Tourguide bringt Besucher mit seinem Jetboot zur York Factory, die unweit der Hudson Bay liegt. Er schaut auf den Fluss, prüft das Wetter und dreht den Zündschlüssel.

„Die Natur diktiert, wann ich fahren kann“, sagt Clint. Die Gezeiten an der Hudson Bay sind stark, die Gewässer flach. Nur an wenigen Tagen im Sommer lassen die Bedingungen eine Fahrt zu. Drei Stunden lang geht es stromabwärts auf dem Nelson River, hinaus in die Hudson Bay und schließlich wieder stromaufwärts in den Hayes River. Wir passieren eine alte Eisenbahnbrücke, ein Schiffswrack und Blockhütten. Ansonsten: Wasser, Wald und Himmel.

In der Ferne tauchen Belugawale auf. Sie tummeln sich dort, wo die Flüsse in die Hudson Bay münden. Dann, nach rund 200 Kilometern, erscheint am Horizont ein weißer Fleck. Wir fahren näher heran, klettern eine Böschung hinauf.

Und plötzlich steht es vor uns: das mächtige Depotgebäude der York Factory. Der weiße Holzbau wirkt wie verloren in der Tundra. Und doch war dieser Ort einmal ein Zentrum der Macht.

Die Hudson’s Bay Company errichtete im 17. Jahrhundert ein weit verzweigtes Netz von Handelsstationen und Forts, um den Pelzhandel voranzutreiben. Die York Factory war einer der wichtigsten Knotenpunkte.

Über mehr als 200 Jahre brachten Trapper aus weiten Teilen des Landes ihre Felle mit Kanus und Booten in die York Factory. Dort wurden sie gesammelt, gelagert und auf Schiffe nach England verladen. Die Siedlung wurde zum großen Umschlagplatz Kanadas.

Auf dem Höhepunkt im 19. Jahrhundert arbeiteten hier Hunderte Menschen. Rund 50 Gebäude standen auf dem Gelände: Lagerhallen, ein Warenhaus, eine Werft, ein Hafen, Kirchen, Schulen und Camps der Ureinwohner. Heute ist davon fast nichts mehr übrig.

York Factory-historische Siedlung am Ufer der Hudson Bay!

  • Mit Zug von Winnipeg in 35 Stunden Fahrt nach Gillam
  • York Factory – Historisches Hudson-Bay-Fort
  • Die York Factory war einmal einer der wichtigsten Orte Kanadas
    York Factory liegt rund 200 Kilometer von Gillam entfernt und ist nur über das Wasser zu erreichen.
  • Seit seinem Bau im Jahr 1838 steht der gewaltige Holzbau
  • Die Hudson’s Bay Company errichtete im 17. Jahrhundert ein weit verzweigtes Netz von Handelsstationen und Forts
  • Im 19. Jahrhundert arbeiteten hier Hunderte Menschen
    Rund 50 Gebäude standen auf dem Gelände

Ein Bärenwächter empfängt uns. Er gehört zu den indigenen Gemeinschaften der Region und trägt ein Gewehr. „Hier können jederzeit Eisbären um die Ecke kommen“, warnt er. In einem besonders aktiven Jahr habe er einmal 18 Eisbären gezählt. Heute ist zum Glück keiner in Sicht.

Wir wandern durch die Tundra. Vorbei an Gräbern mit Holzkreuzen, einem alten Boot und einer verfallenen Lagerhalle. Das Haus des Buchhalters steht noch. Ansonsten hat sich die Natur große Teile des Geländes zurückgeholt. Permafrost und Erosion setzen der historischen Stätte zu. Das Depotgebäude dagegen hat überlebt.

Seit seinem Bau im Jahr 1838 steht der gewaltige Holzbau hier. Mit rund 1700 Quadratmetern ist er bis heute das größte Holzgebäude, das in Kanada je auf Permafrost errichtet wurde. Im Inneren liegen die Überreste einer vergangenen Welt: Kanonenkugeln, Biberfallen, Werkzeuge und andere Fundstücke aus der Geschichte der Handelsstation.

„Meine Vorfahren haben dieses Land für den Handel untereinander benutzt“, erzählt Flora Beardy, die ebenfalls den First Nations angehört. Ihr Volk nutzte die Flächen lange vor den Europäern. Später arbeiteten viele ihrer Familienangehörigen für die Hudson’s Bay Company.

Flora erinnert sich an die kleinen Dinge des Lebens an diesem abgelegenen Ort. An Moskitos, gegen die sie sich Gänsefett ins Gesicht schmierte. An Silvester, wenn die Kanonen des Forts abgefeuert wurden und mitten in der Wildnis ein improvisiertes Feuerwerk entstand.

Wir dagegen haben nur wenige Stunden hier. Und plötzlich drängt die Zeit. Die Ebbe kommt. Wenn wir jetzt nicht aufbrechen, könnten wir stranden.

Also nehmen wir Abschied. Von einem Ort, der über zwei Jahrhunderte lang eine Drehscheibe des Handels war und heute beinahe vergessen ist. Während unser Boot zurück nach Gillam rast, wird aus dem einstigen Zentrum des Pelzhandels wieder ein stiller Ort in der Tundra.

ENDE

Alle Bilder

Information zu York Factory National Historic Site:
http://www.pc.gc.ca/en/lhn-nhs/mb/yorkfactory

Anreise und Reisezeit:
Die Anreise erfolgt per gechartertem Wasserflugzeug oder Boot ab Gillam oder Churchill. Erfahrene Kanuten können das Fort auch in einer mehrtätigen Tour über den Hayes River erreichen. Ein Campingplatz, der zum Schutz vor Eisbären von einem Elektro-Zaun umgeben ist, bietet die einzige Übernachtungsmöglichkeit.

Zug:
Via Rail Canada fährt zwei Mal die Woche, dienstags und sonntags, von Winnipeg nach Gillam. Die Rückfahrt von Gillam ist freitags und sonntags.

Bootstour und Reisezeit:
Nelson River Adventures bringt Besucher von Gillam mit einem Jetboot zur York Factory und am selben Tag wieder zurück. Die genauen Fahrtage hängen von den Gezeiten ab und finden im Juli und August statt. www.nelsonriveradventures.com

Reisezeit für Manitoba: 
Die beste Reisezeit ist von Mitte / Ende Mai bis Mitte / Ende September.

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Jörg Michel arbeitet als freier Journalist, Buchautor und Auslandskorrespondent in Kanada. Nach über zehn Jahren bei einer Tageszeitung in Berlin war er 2010 nach Kanada ausgewandert. Dort lebte er unter anderem in Banff, Jasper und Victoria bevor er nach Calgary zog. In Kanada hat er alle Provinzen und Territorien bereist, meist mehrmals. Im 360-Grad-Verlag sind von ihm zwei Reiseführer „abseits der ausgetretenen Pfade“ erschienen: einer über Alberta, einer über British Columbia.

Auf Social Media finden Sie ihn auf Facebook (@storiescanada) und Instagram (joerg_stories_canada)
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