Gastbeitrag: Der Rideau Canal

Veröffentlicht am 07.12.2023

Robert
Jörg Michel - Blog

Mit Hausboot auf dem Rideau Canal, ein Gastbeitrag von Jörg Michel

Jörg in Kanada (3) – „Mit einem Hausboot auf dem Rideau Canal unterwegs in Ontario“

Als Student habe ich in Ottawa gelebt und der Rideau Canal gehörte zu meinem Alltag. Im Winter bin ich mit Schlittschuhen über das zugefrorene Eis des Kanals gelaufen, wie viele Bewohner in der Hauptstadt Kanadas. Unterwegs habe ich „Beaver Tails“ genascht, ein süßes Gebäckstück aus frittiertem Teig, das in Ottawa Kultstatus hat und das man am Kanal allerorten kaufen kann.

Im Sommer bin ich oft mit dem Rad am Rideau Canal entlanggefahren, auf meinem Weg von der Uni in die Innenstadt. Ich habe die vielen weißen Boote und Jachten an mir vorbeiziehen sehen und mir gedacht: Einmal selbst Kapitän sein auf dem Kanal, das wäre was! Einmal elegant mit einem Boot über den Kanal und durch die Seenlandschaften von Ontario schippern. Es war ein Traum. Über zwanzig Jahre später ging der Traum in Erfüllung.
An einem Frühsommertag 2023 stand ich an der Marina am Dow‘s Lake in Ottawa und staunte nicht schlecht. Vor mir an einem Steg verankert lag die „Horizon 4“ von Le Boat – ein elegantes, 14 Meter langes und gut vier Meter breites Hausboot, mit dem ich und drei Freunde eine Woche lang über den Rideau Canal fahren wollten.

Schon mal vom Rideau Canal gehört? Die historische Wasserstraße verbindet Ottawa und Kingston am Ontariosee. Über 202 Kilometer führt sie durch Kanäle, über Flüsse und Seen, durch Schleusen und weite Seenlandschaften hindurch. Die idyllische Route gilt als ältestes dauerhaft genutztes Kanalsystem in Nordamerika und gehört zum Weltkulturerbe – ein ideales Revier für Hobbykapitäne wie uns.

Nur 19 Kilometer der Strecke sind tatsächlich bebauter Kanal, der Rest ist Natur pur. Eröffnet wurde die Route 1832 als militärischer Nachschubweg und Alternative zum Sankt-Lorenz-Strom. Mit dem Rideau Canal wollte Kanada verhindern, dass die Amerikaner im Falle eines Krieges die Seewege blockieren. 6000 Menschen bauten über sechs Jahre an dem Projekt. Es war eine Kraftanstrengung.
Heute wird der Rideau Canal nicht mehr militärisch genutzt, sondern von der Nationalparkbehörde als reine Freizeiteinrichtung betrieben. Auf dem Wasserweg haben wir unterwegs weder Schiffe noch Frachter gesehen, uns begegneten nur Bootsfahrer, Paddler, Segler und Hausboot-Urlauber. Es war eine entspannte Art und Weise, den Osten Kanadas vom Wasser aus zu entdecken.

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Eine Lizenz, einen Führerschein oder langjährige Erfahrung brauchten wir nicht. Tatsächlich hatte ich vor meiner Fahrt auf dem Rideau Canal noch nie ein Boot gesteuert und war mir nicht ganz sicher, was auf mich zukommt. Doch alles halb so wild! In Ottawa bekamen wir eine kurze Einweisung, fuhren mit einem Mitarbeiter des Vermieters Le Boat zwei Schleifen zur Probe – und schon ging’s los!
Tatsächlich sind die Boote von Le Boat auch für Anfänger geeignet. Mit maximal zwölf Stundenkilometern geht es langsam voran. Spezielle Strahlruder helfen beim Navigieren. Sie ermöglichen es, das Boot nicht nur vorwärts und rückwärts, sondern auch seitwärts zu bewegen. Besonders nützlich fanden wir das beim An- und Ablegen. Gewöhnungsbedürftig ist die Verzögerung, mit der das Boot reagiert.
Anders als beim Auto dauert es nach dem Lenken ein paar Sekunden, bis sich das Gefährt nach rechts oder links bewegt. Wie viele Anfänger fuhren wir zunächst in Schlangenlinien über das Wasser bei unserem Versuch zu steuern und gegenzusteuern. Doch schon bald bekamen wir Routine und fuhren das Boot mit ruhiger Hand.

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Nach nur einer halben Stunde Fahrt über den Dow’s Lake erreichten wir unsere ersten Schleusen, die Hartwells Locks am Stadtrand von Ottawa. Insgesamt 47 historische Schleusen gibt es auf dem Rideau Canal, die allesamt von Mitarbeitern der Parkbehörde manuell bedient werden. Geöffnet haben sie zwischen Mai und Oktober. Im Winter werden sie trockengelegt. 
Die Mitarbeiter von Parks Canada waren stets zu Stelle, wenn wir beim Navigieren oder Anlegen Hilfe brauchten. Die Anlegestellen an den Schleusen dienen zum Ankern und sind wie Campingplätze ausgebaut: Es gibt Toiletten- und Waschhäuschen, Picknickbänke und Stromanschlüsse für die Nacht. Den Frischwassertank des Bootes mussten wir während der Tour nur einmal auffüllen.

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Tatsächlich war die „Horizon 4“ wie ein Wohnmobil auf dem Wasser – und noch viel mehr. Auf dem Sonnendeck hatten wir Tische und Bänke, einen Propangasgrill, dazu ein Fahrerplatz und ein Sonnensegel. Unter Deck gab’s eine Küche, einen Esstisch mit Bänken, ein zweites Steuerrad für regnerisches Wetter. Im Bug des Bootes hatten wir vier Kajüten zur Auswahl, jeweils mit Bad und Dusche.
Auch das Reisen fühlte sich fast so an wie in einem Wohnmobil – nur langsamer und auf dem Wasser. Um einen schönen Stellplatz mit Aussicht brauchten wir uns nicht zu bemühen. Ankerplätze am Ufer gab‘s naturgemäß an jedem Abend, inklusive schönem Seeblick und Sonnenuntergang. Dazu ein Gläschen Wein und ein Fisch oder Steak auf dem Grill – was will man mehr?

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Der Blick aus dem Boot erlaubte uns Perspektiven, die man sonst nicht bekommt. Vom Kanal aus konnten wir auf hübsche Villen und Seegrundstücke spicken. Danach kreuzten wir auf dem Rideau River, durch Feuchtgebiete und wilde Parklandschaften. Später ging es durch ausladende Seenlandschaften mit bewaldeten Inselchen, so wie man sich Kanada vorstellt! Die Fahrrinne war durch Bojen markiert.
Unterwegs hielten wir in hübschen Dörfern und Kleinstädten, wie sie typisch sind für den Süden von Ontario: mit alten Backsteingebäuden, bunten Holzhäusern im Zuckerbäckerstil, Galerien, Cafés, überwucherten Friedhöfen und historischen Schleusen. Im ersten größeren Städtchen Merrickville besichtigten wir Befestigungsanlagen und Kasernen aus jener Zeit, als der Rideau Canal gebaut wurde.

Das Örtchen Westport auf halber Strecke hat ein eigenes Weingut, Spezialitätenläden, Märkte, dazu ein hübsches Museum mit Artefakten aus der Pionierzeit. Wanderwege führen zu Aussichtspunkten mit einem weiten Blick ins Land. Im Ort Perth fühlten wir uns fast wie in Neuengland: Die Straßen waren gesäumt mit Villen aus Klinker, es gab eine Brauerei sowie schöne Restaurants direkt am Wasser. 
Gegen Ende der Tour campierten wir an einem Steg auf einer Insel im Großen Rideau Lake. Wir paddelten in einem Kajak, schwammen im See, sonnten uns, machten ein Nickerchen am Strand. Bei einem Spaziergang an Land beobachteten wir Schildkröten und Wildgänse. Am Abend wehte eine leichte Brise über Deck. Die Eistaucher sangen, als die tiefrote Sonne hinter dem Horizont verschwand.

Ach, wie schön ist Kanada!

Infos:
— Informationen über den Rideau Canal: https://parks.canada.ca/lhn-nhs/on/rideau

— Le Boat ist der einzige von Parks Canada lizenzierte Hausboot-Vermieter auf dem Rideau Canal. Vermietstationen am Kanal gibt es in Ottawa und in Smith Falls.
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Jörg Michel arbeitet als freier Journalist, Buchautor und Auslandskorrespondent in Kanada. Nach über zehn Jahren bei einer Tageszeitung in Berlin war er 2010 nach Kanada ausgewandert. Dort lebte er unter anderem in Banff, Jasper und Victoria bevor er nach Calgary zog. In Kanada hat er alle Provinzen und Territorien bereist, meist mehrmals. Im 360-Grad-Verlag sind von ihm zwei Reiseführer „abseits der ausgetretenen Pfade“ erschienen: einer über Alberta, einer über British Columbia.
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